

"Bordeaux" klingt für die meisten Menschen der Welt wie ein guter, ausgereifter, tiefroter Wein. Die Stadt Bordeaux im Südwesten Frankreichs folgt erst danach. Die Erfolgsgeschichte der beiden ist indes aufs Engste miteinander verbunden. Bordeaux ist traditionsreich und eine Stadt der einflussreichsten Weinhändler:innen der Welt. Sie haben dem Hafen am Fluss der Garonne zu jenem Wohlstand verholfen, der bis heute den Namen "Bordeaux" zu einem Qualitätssiegel macht und zu einem Synonym für Kultur. Seit dem 16. Jahrhundert steht das Bürgertum der Stadt für Selbstbewusstsein, Freiheitswillen, Stolz und Unabhängigkeit. Ein Bürgertum, das durch seine weit reichenden Handelsbeziehungen dank des natürlichen Hafens am Ufer der Garonne seine Lage nutzte, um mit England oder Portugal, mit Nordafrika oder Südamerika Jahrhunderte lang Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen. Geschickt, weltoffen und weitgehend unabhängig vom zentralistischen royalistischen Paris zeigte sich Bordeaux als Vorreiter eines wirtschaftlichen Globalismus.
Immer hatte der Architekt Auguste Perret davon geträumt, Le Havre einmal mit einem der großen "Ocean Liner" zu verlassen - den Hafen hinter sich lassen, die Stadt, Frankreich, den Kontinent. Viele Träume haben hier begonnen. Die der Auswanderinnen und Auswanderer nach Amerika, der Kaffee- und Baumwollhändler, der Fischer und Marinesoldaten, der Französinnen und Franzosen sowie Engländerinnen und Engländer, die sich hier am Kanal dicht gegenüberstehen. Am 5. September 1944 waren alle Träume erst einmal vorbei. England beendet die deutsche Besatzung, durch die die Stadt Le Havre ab 1940 mit 40.000 Mann zum größten Kriegshafen am Atlantik ausgebaut wurde. In wenigen Stunden sterben mehr als 5000 Menschen und 12.500 Gebäude verschwinden im Bombenhagel - die Hälfte der Stadt. 80.000 Menschen verlieren über Nacht ihre Heimat.
Die französische Regierung reagiert mit einem radikalen Plan. 1945 beauftragt sie den Architekten Auguste Perret, Le Havre mit einem Masterplan schnellstens wiederaufzubauen. Auf 130 Hektar soll Wohnraum für 60.000 Menschen entstehen, eine Stadtverwaltung, Schulen, Kirchen, Hafenanlagen, Gewerbegebiete und eine repräsentative Infrastruktur - eine komplett neue Stadt. Angesichts des riesigen Schutthaufens und in Ermangelung von Baumaterialien macht Auguste Perret aus der Not eine Tugend und verarbeitet den Schutt zu einzigartigen Betonvariationen: Zermahlen, nach Farben und Strukturen getrennt, mitunter wieder eingefärbt, vermischt mit feinen Glassplittern oder Kieselsteinen entstehen Betonoberflächen, die nahezu malerische Oberflächen zeigen.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 14.11.2021 um 06:00 Uhr auf SR.