

Lang, allzu lang war Polen Spielball fremder Mächte, Opfer deutschen Größenwahns, ein Satellit der kommunistischen Sowjetunion. Jetzt steckt es mitten in einem heftigen Kulturkampf. Der langjährige Auslandskorrespondent und Osteuropa-Kenner Tilmann Bünz blickt für phoenix auf Meilensteine der polnischen Geschichte und Gegenwart, und fragt, warum das Land nicht zur Ruhe kommt.
Im heutigen Polen verläuft kaum ein Wochenende ohne Demonstrationen, kein Tag ohne öffentliche Diskussionen, ganz anders als etwa im weitgehend gleichgeschalteten Ungarn des Victor Orban. Mal gehört Warschau für einen Tag den Nationalisten, die so zornig auftreten, als ob die Unabhängigkeit erst noch errungen werden müsste. Mehr Raum nehmen die streikenden Frauen ein, die gegen die Allianz aus Kirche und regierender PIS-Partei aufbegehren. Sie wollen nicht in einem "Gottesstaat" leben, in dem faktisch die Kirche - an der Mehrheit vorbei - die Gesetze schreibt.
Auf seiner Reportage-Reise stößt Filmautor Bünz auch auf offene Rechnungen zwischen Polen und Deutschen, die aus der Geschichte bis heute nachwirken. Die PIS lässt die Kriegsschäden durch den deutschen Vernichtungskrieg und die Besatzung bis 1945 immer mal wieder berechnen. Dabei kommen schnell Summen mit sehr vielen Nullen zusammen - bis zu einer Billion Euro, je nach Quelle. Aber nicht nur die rechtskonservative PIS-Regierung, sondern viele Polen finden, dass Deutschland zu billig davon gekommen ist. Noch immer ist die polnische Leidensgeschichte von 1939 bis 1945 ein blinder Fleck im Bewusstsein der meisten Deutschen. So fehlt bis heute in der der deutschen Hauptstadt ein zentraler Ort des Gedenkens. Nun, über 80 Jahre nach dem Angriff auf Polen, soll in Berlin an prominenter Stelle ein Denkmal für alle polnischen Kriegsopfer entstehen - eine Initiative, die mitten aus der Gesellschaft kam, und der sich der Bundestag am Ende anschloss.
Weiter führt die Spurensuche zu symbolträchtigen Stätten des katholischen Glaubens, wie zur monumentalen Jesus-Statue von Swiebodzin und zur Kirche von Nowa Huta, die gegen den erklärten Willen der Machthaber in der sozialistischen Mustersiedlung gebaut wurde. Diese erinnern daran, was Polen in schwierigen Zeiten früher zusammenhielt, und dass es den polnischen Kommunisten nie ganz gelang die freiheitliche Kraft der Kirche einzuschränken. So spielte das Land auch eine führende Rolle bei dem Zerfall des Eisernen Vorhangs und dem folgenden Umbruch in Europa - befördert durch das polnische Doppelgespann Lech Walesa und Papst Johannes Paul II. Ein einziger Besuch des Papstes in seinem Heimatland brachte 1979 den Kommunismus ins Wanken. Ein Jahr später gründete Lech Walesa die erste freie Gewerkschaft im Warschauer Pakt.
Dazu zeigt die Reportage seltene Fotos und Filmaufnahmen aus der bewegten polnischen Geschichte von Beginn des Zweiten Weltkrieges bis heute. Zeitzeugen und Experten wie Präsident a.D. Lech Walesa, die Gründerin des Frauenstreiks Marta Lampart, der Leiter des konservativen Thinktanks "Jagellionen Club" Pawel Museliak, und der Kirchenkritiker und Ex-Jesuit Prof. Stan Obirek geben interessante Einblicke zur Frage, warum die polnische Gesellschaft nach so vielen Jahrzehnten und Freiheitskämpfen immer noch nicht zur Ruhe kommt.
Film von Tilmann Bünz
Die Sendung wird ausgestrahlt am Donnerstag, den 17.06.2021 um 08:15 Uhr auf phoenix.