mein ausland

Die Grenze der Freundschaft – Deutschland, Frankreich und Corona

Quelle: Pressebild
Quelle: Pressebild

„Europas Herz - die Großregion“, ein Werbespruch. Berufspendler, Shopping- und Freizeitfans werden zu Grenzüberschreitungen aufgefordert, das macht die Stärke des saarländischen Grenzgebietes aus. An den blauen Europaschildern, die den Übergang von einem Land ins andere anzeigen, fährt man normalerweise achtlos vorbei.
Dann kam Corona. Und mit dem Virus kam die Grenze zurück. Am 11. März 2020 stufte das Robert-Koch-Institut die französische Region Grand Est als Hochrisikogebiet ein. Viele Pendler standen plötzlich vor rot-weißen Plastikbarrieren, die sichtbar machten, was jahrzehntelang kaum noch wahrnehmbar war: die Grenze.


„Europas Herz - die Großregion“, ein Werbespruch. Berufspendler, Shopping- und Freizeitfans werden zu Grenzüberschreitungen aufgefordert, das macht die Stärke des saarländischen Grenzgebietes aus. „Labor für die deutsch-französischen Beziehungen“ - auch diese Eigenschaft wird gerne beschworen, denn zwischen dem Saarland und Lothringen sind die Grenzen kaum wahrnehmbar. An den blauen Europaschildern, die den Übergang von einem Land ins andere anzeigen, fährt man normalerweise achtlos vorbei.

Dann kam Corona. Und mit dem Virus kam die Grenze zurück. Am 11. März 2020 stufte das Robert-Koch-Institut die französische Region Grand Est als Hochrisikogebiet ein. Zwei Tage später Polizeikontrollen. Ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung. Viele Pendler standen plötzlich vor rot-weißen Plastikbarrieren, die sichtbar machten, was jahrzehntelang kaum noch wahrnehmbar war: die Grenze. Die Barrieren sollten zeigen, dass Deutschland seine Bürger vor dem Virus schützen will, als könne man es damit aufhalten. Folge: der Nachbar aus Frankreich wird plötzlich als Gefahr gesehen, als „Virenschleuder“. Es kommt zu unschönen Szenen, Beleidigungen auf beiden Seiten der Grenze, alte Vorurteile kommen wieder.

Besonders bizarr war die Situation in Orten wie dem kleinen Dorf Leidingen. Hier ist die Grenze eine Straße, die mitten durch den Ort verläuft: Neutrale Straße heißt sie in Deutschland, Rue de la Frontière in Frankreich. Der Ortsvorsteher des deutschen Teils, Wolfgang Schmitt, ist erschüttert: „Wenn wir hier zusammen stehen, da sind fünf Meter dazwischen. Da bin ich doch irgendwie auch Franzose. Und jetzt kommen die Vorurteile raus. Dass der, der in Frankreich lebt, mich mehr infizieren kann als mein Nachbar hier. Das ist dramatisch“. Im französischen Teil des Ortes leben viele Berufspendler, die täglich nach Deutschland fahren. Jetzt müssen sie morgens statt fünf Kilometern einen Umweg von 30 Kilometern fahren - wegen der Grenzbarrieren.

Ausgerechnet 2020. Ein Jahr, in dem die Region eigentlich ständig Grund zum Feiern hat. 100 Jahre Saarland! Anfang Januar gab‘s eine große Party, die konnte noch stattfinden. Mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 wurden zum ersten Mal die Grenzen des Saargebietes festgelegt. Die wechselvolle Geschichte des kleinsten deutschen Flächenlandes beginnt. Deutsch, französisch, unabhängig und schließlich, seit 1957, deutsches Bundesland. Diese Geschichte hat das Verhältnis zum direkten Nachbarn Frankreich entscheidend geprägt und die Grenzlinien ständig verschoben. Der ehemalige Bergmann Horst Schmadel hat in seinem Keller eine ganze Sammlung an Saarschätzen. Er hat die alten Autokennzeichen gesammelt, fünf verschiedene gab es, je nachdem, zu welchem Staatsgebiet das Saarland gerade gehörte. Und wenn Heiko Maas von seiner Heimat Saarland erzählt, spricht er von seiner Oma, die in ihrem Leben immer in demselben Haus im selben Dorf bei Saarlouis gelebt hat. Im Verlauf ihres Lebens hätte sie, je nach gültiger Zugehörigkeit des Saargebietes, fünf verschiedene Pässe gebraucht.

Und jetzt ist hier die Grenze zu! Hier, wo vor 70 Jahren Robert Schuman, ehemaliger Außenminister Frankreichs, mit seinem Schuman-Plan die Grundlage für die Europäische Union schaffte. Schuman kam aus der Großregion. Der industrielle Reichtum, die Montanunion, die Grundlage für die heutige EU - das war seine Idee. Am 9. Mai 1950 hielt er seine berühmte Rede: Seitdem wird der Tag als Europatag gefeiert. Aber in diesem Jahr fielen die Feiern flach, wegen des Virus. Und die Partylaune war angesichts der Grenzkontrollen auch dahin.

Auch das Abkommen von Schengen hätte theoretisch gefeiert werden sollen. 35 Jahre. Der kleine luxemburgische Grenzort wirkt wie eingeklemmt zwischen Deutschland und Frankreich. Die Abschaffung der Grenzkontrollen in der EU hatte man hier beschlossen. 2020 wird das Abkommen ausgerechnet dort ausgehebelt, wo es entstanden ist. Für die Dokumentation „Die Grenze der Freundschaft - Deutschland, Frankreich und Corona“ hat das ZDF-Studio Saarland die Situation an der Grenze über mehrere Monate beobachtet. Der Film mischt die Beobachtungen während der Grenzkrise mit Rückblicken in die Geschichte einer Region, in der die Grenze immer eine entscheidende Rolle gespielt hat. Das Corona-Virus hat gezeigt, wie zerbrechlich Europa ist. Nirgendwo hat man seine Schwäche stärker wahrgenommen als hier - an der Grenze im Herzen Europas.

Film von Susanne Freitag-Carteron

In „mein ausland“ berichten ARD- und ZDF-Korrespondenten über ihre Eindrücke, Erlebnisse und Besonderheiten in „ihren“ Ländern und Regionen: Ob die langen Sandstrände von Marokko, das Lebensgefühl in Brooklyn oder der bedrohte Regenwald am Amazonas - „mein ausland“ zeigt die Vielfalt der Kontinente und Länder. Auch Krisenregionen werden besucht, die politische Situation beleuchtet, die Menschen in ihrem Alltag begleitet. Die 45-minütigen Reportagen werden exklusiv für phoenix produziert. Sie bieten tiefe Einblicke in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft anderer Länder und Kontinente und helfen, die politischen Ereignisse und Krisen in der Welt besser zu verstehen.

Die Sendung wird ausgestrahlt am Freitag, den 18.09.2020 um 00:45 Uhr auf phoenix.