

Die Treuhand wird bis heute für das Trauma der Wendezeit verantwortlich gemacht. Der anfängliche Freudentaumel war schnell verflogen: Jobverluste, Firmenpleiten und das Veröden ganzer Landstriche prägen das Nachwende-Empfinden im Osten bis heute. Hat die Treuhand versagt, oder war die schmerzhafte Abwicklung der DDR-Wirtschaft unvermeidlich?
"Uns wurde gesagt, dass unser Betrieb von der Treuhand übernommen wird und dass es sicher eine Möglichkeit gibt, wie der Betrieb weiterexistieren kann", erinnert sich Antonia Kalich. Alle waren überzeugt: Das schaffen wir. Doch dann erwischte es ihren Betrieb, VEB Elektroporzellan in Großdubrau, gleich am Anfang. Eine Sanierung sei aussichtslos, da das Werk fehldimensioniert und der Umsatz rückgängig sei, so die Bewertung der Treuhand. Die Mitarbeiter wurden entlassen. Selbst der technische Direktor, damals 51 Jahre alt, hat - wie so viele - nie mehr eine Stelle bekommen. Bis heute merkt er das an seiner kleinen Rente. So wie ihm ist es vielen ergangen. Auch Familie Heissig wurde von den Veränderungen überrollt. Vater Werner hatte vor der Wende in Eisenach den Wartburg mit gebaut. Das ganze Leben war mit dem Betrieb verbunden - mit der Treuhand kam das Aus.
Das Erbe der Treuhand (2/2) Wut und Wirklichkeit Film von Christin Köppen und Florian Hartung Hat die Treuhand die ostdeutsche Industrie plattgemacht und ein kollektives Trauma ausgelöst? Oder war sie ein willkommener Blitzableiter für den Zorn der Menschen? Auch 30 Jahre nach der Wende wird darüber gestritten, wie gut oder schlecht die Anstalt ihren Job gemacht hat.
Der zweite Teil der Bestandsaufnahme widmet sich den Jahren 1991 bis 1995 unter Treuhand-Präsidentin Birgit Breuel. Dass sich in den 90ern nicht nur Ostdeutsche an der Treuhand die Zähne ausbissen, zeigt das Beispiel von Christopher Schwarzer aus München, der für die Treuhand Ostbetriebe analysierte. Von dem VEB Elastic Mieder, der in Zeulenroda Unterwäsche herstellte, war er so begeistert, dass er seinen Job an den Nagel hängte und als Investor einstieg. Der Umsatz verdreifachte sich, die Firma galt wieder als Vorzeigeobjekt. Dann forderte die Treuhand die Darlehen ein: drei Millionen D-Mark. Die finanzielle Situation des Unternehmens wurde kritisch. Schwarzer hoffte auf Entgegenkommen, es ging immerhin um die Arbeitsplätze von 200 Angestellten. Doch die Treuhand blieb hart - am Ende stand die Insolvenz.
Orte der Arbeit Aufbruch und Niedergang Film von André Berthold Sie war schön, aber selten lukrativ, und sie war immer da: Arbeit in der DDR war mehr als nur ein Lebensgefühl. Es war die Luft, die in den Fabrikhallen dampfte und das Glück, eine neue Wohnung zu ergattern. Es war der Ort, wohin man morgens schlich und woher man meist viel zu spät zurückkehrte: Arbeit war die Welt, zu der man gehört, ohne je gefragt zu haben. Und mit dem Verlust der Arbeit erlebten Millionen Menschen nach der Wende einen massiven Umbruch.
Orte der Arbeit Aufbruch und Alltag Film von Simone Unger In der DDR prägten die über achttausend Betriebe den Alltag der Menschen. Hier ging man mittags zur Kantine und zwischendurch auch zum Friseur, hier gab man die Kinder morgens ab und ging später noch ins Klubhaus. Hier musste man Rechenschaft ablegen, wenn die Norm wieder nicht erfüllt wurde und hier bekam man auch den Ferienplatz. Das alles ist jetzt knapp dreißig tanden, werden heute Wohnanlagen oder Einkaufszentren gebaut. Was von der Vergangenheit bleibt, sind die Menschen, die sie erlebt haben: Wohin führen die Spuren, die heute noch sichtbar sind? Woran erinnern sich die Frauen von der Zündholz-Fabrik in Riesa noch gern, was bewegt die Schuhmacherin aus dem Kombinat in Weißenfels? Was wurde aus den Maschinenbau-Kombinat TAKRAF in Leipzig und wie gelang es ausgerechnet den Traktorenwerkern in Schönebeck, wieder zu einem der führenden Unternehmen Europas aufzusteigen?
In „phoenix history“ erinnern wir an herausragende historische Ereignisse und Entwicklungen, mit deren Vermittlung und Einordnung phoenix einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung leistet. Von der Antike bis zur aktuellen Zeitgeschichte spannt sich der Erinnerungsbogen. Auf diesen historischen Zeitreisen zeigen wir klassische Dokumentationen, Reportagen im Stil einer historischen Spurensuche bis hin zu großen zeitgeschichtlichen Doku-Dramen. Mit dieser Vielfalt der Formen wollen wir komplexe Themen besser verständlich machen.
Die Sendung wird ausgestrahlt am Sonntag, den 01.03.2020 um 00:00 Uhr auf phoenix.