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Zerrissen bleibst du immer

ZDF-Mediathek ZDF
Wird am 16.01.2028 um 23:49 Uhr depubliziert

Für die Gastarbeiter der ersten Generation waren die Jahrzehnte in Deutschland immer eine Durchgangsphase. Ihre Kinder, die Gastarbeiter der zweiten Generation, sind dort aufgewachsen, haben Freunde und eigene Kinder. Ist dann ihr Herkunftsland noch ihre Heimat? Der Start vor 50 Jahren war hart Sara (l.) ist zurückgekehrt nach Sizilien, um sich um ihre Mutter Accursia (r.) zu kümmern. Jetzt hat sie Heimweh nach Deutschland. Quelle: ZDF/Vita Spieß Sarah (62) ist vor 50 Jahren ihren Eltern aus Sizilien ins badische Singen gefolgt. Die Anfänge in Deutschland waren schwer. Die Eltern arbeiteten rund um die Uhr, Sarah und ihre Geschwister waren auf sich gestellt. Weder die kalten Winter noch die fremde Sprache machten ihnen das Ankommen leicht. Für Sarahs Eltern war immer klar: Sie verdienen in Deutschland Geld und leben im Alter dann wieder in "ihrem Dorf", im sizilianischen Ribera. Nach über 30 Jahren in der Fabrik, in denen sie neben der Schichtarbeit und ihren Kindern kaum Zeit für das Erlernen der deutschen Sprache und wenig Sinn für Integration hatte, folgte Sarahs Mutter Accursia ihrem Plan und verbringt ihr Alter nun in Sizilien. Deutschland, das war für sie eine Jahrzehnte währende Übergangsstation. Mehr nicht. Perspektivwechsel in der zweiten Generation Auch für Sarah schien es lange selbstverständlich, genau wie die Mutter – der Vater hatte bald nach der Ankunft in Deutschland eine neue Familie gegründet – Grund und Boden in Italien zu kaufen, um später dort zu leben. Doch sowohl für Sarah als auch für ihren Bruder Franco änderte sich mit der Zeit die Perspektive. Ihre Kinder sind in Deutschland geboren, dort verwurzelt. Für sie, die dritte Generation, ist Italien nicht mehr "Heimat". Dort wären sie die Fremden, die mit deutschem Akzent Italienisch sprechen. Von 14 Millionen Gastarbeitern, die im Rahmen des deutschen Anwerbeabkommens zwischen 1955 und 1970 nach Deutschland kamen, sind circa elf Millionen wieder zurückgekehrt. Lange folgten die Kinder der zweiten Generation dem Vorbild der Eltern, wohnten bescheiden zur Miete in Deutschland und steckten ihre Ersparnisse in die Immobilien in der Heimat. Alte Heimat wird Urlaubsziel Auch Sarahs Bruder Franco (56) hat lange so gelebt. Er ist Vater zweier Kinder, arbeitet als Hausmeister in einem Altenheim und ist seit Jahrzehnten ehrenamtlicher Fußballtrainer für jugendliche Migranten. "Wir haben in Sizilien ein Häuschen gekauft und dachten, die Kinder leben ihr Leben hier in Deutschland. Aber dann sind Enkelkinder gekommen, und jetzt glauben wir nicht mehr, dass wir noch nach Sizilien gehen." Ribera, ein Urlaubsort, wo Accursia, die alte Mutter, jetzt lebt. Alle verstorbenen Verwandten liegen dort auf dem Friedhof in der Familiengruft. Einmal im Jahr, wenn alle in den Sommerfreien dorthin kommen, werden die Fensterläden der kleinen Stadthäuser geöffnet, herrscht wieder Leben in den Gassen. Familienbande Eine sizilianische Großfamilie in Deutschland. Franco mir seiner Frau Tina und Schwester Sara mit ihrem Mann Vittorio und der Tochter Sabrina im deutschen Schrebergarten: Heimatgefühl. Quelle: ZDF Auch Sarah kennt dieses Gefühl, dass man dort sein möchte, wo die Enkel aufwachsen, dass man bei seiner Familie zu Hause ist. Aber sie folgte ihrem Verantwortungsgefühl für die alleinlebende Mutter, die inzwischen über 80 ist und keines der Kinder in der Nähe hat. Sie lässt die eigenen Kinder, den Lebenspartner und die Enkel zurück und baut sich ein neues Leben im Dorf ihrer Kindheit auf. Die Mutter, ein paar Bekannte, die Sonne und das Meer trösten nur scheinbar über ein nur allzu bekanntes Gefühl hinweg. Sarah hat Heimweh. Diesmal aber in die andere Richtung; es ist Heimweh nach Deutschland, nach ihrer Familie, nach ihrem Schrebergarten und der bescheidenen Mietwohnung am Stadtrand von Singen. Mehrmals täglich telefoniert sie mit ihren Lieben über Facetime. Solang die Mutter lebt, will sie in Sizilien bleiben. Für Franco ist die pflichtbewusste ältere Schwester ein Segen. Als er Großvater geworden ist, hat er sich entschieden, in Deutschland zu bleiben. Da, wo seine Familie lebt, ist seine Heimat, basta. Wäre da nicht die alte Mutter im weit entfernten Sizilien, wäre er mit sich im Reinen. So bleibt auch für Franco das Gefühl, zerrissen zu sein zwischen dem Leben hier und den Familienbanden dort; etwas zieht ihn immer zurück in das Land, das seine Heimat war. Die sogenannten „Gastarbeiter“ Angeworben wegen Arbeitskräftemangel Die sogenannten „Gastarbeiter“ waren Menschen, die in den 1950er und 60er Jahren nach Westdeutschland kamen. Dank des Wirtschaftswunders in der BRD gab es zu wenig Arbeiter und Arbeiterinnen. Deswegen schloss die Regierung mit verschiedenen Ländern Abkommen, damit Menschen zum Arbeiten in die BRD kommen. Woher kamen sie? Mit Italien schließt die BRD am 20.12.1955 das erste Abkommen ab. In den folgenden Jahren wirbt die BRD in Griechenland und Spanien (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und dem damaligen Jugoslawien (1968)Arbeitskräfte an. Das Aufeinandertreffen zwischen den Deutschen und den neuen Arbeitern verlief schwierig. Misstrauen, Vorurteile und die Angst um den Arbeitsplatz führte dazu, dass sich Subgesellschaften bildeten. Dazu gab so gut wie kein Integrationsprogramm. Man ging davon aus, dass die Menschen hier arbeiten und dann wieder in ihre Heimatländer zurück gehen. Wieviele kamen? Die Anzahl der „Gastarbeiter“ steigerte sich von 73.000 (1954) über 329.000 (1960) auf 2,6 Millionen 1973, dem Jahr des Einreisestopps. Bis dahin kamen 14 Millionen Menschen, um in der BRD zu arbeiten, 11 Millionen davon gingen in ihre Heimatländer zurück. Viele blieben aber auch und holten ihre Familien nach, um in der BRD unter besseren Bedingungen zu leben. Heute leben diese Familien schon in dritter Generation hier. Quellen: - Geschichte der Migration in Deutschland | bpb.de  - Deutsche Geschichte: Gastarbeiter - Deutsche Geschichte - Geschichte - Planet Wissen (planet- wissen.de) - "Gastarbeiter" in Deutschland: Gekommen und geblieben | NDR.de - Geschichte - Chronologie  </ul> </section> Autorin Anabel Münstermann über ihren Film Was ist Heimat? Schon lange beschäftigt mich die Frage nach Heimat und dem damit verbundenen Gefühl. Wo liegt der Unterschied zwischen Heimat und Zuhause? Anders als Menschen, die durch Kriege und Politik aus ihrer Heimat vertrieben wurden, leben bei uns in Deutschland auch Millionen Menschen, die freiwillig, vornehmlich aus wirtschaftlichen aber auch aus weniger zwingenden anderen Beweggründen, ihre Heimatländer verlassen haben. Eigene Anknüpfungspunkte Einige aus meinem Freundeskreis sind so genannte Zugewanderte und leben seit Jahrzehnten nicht mehr im Land ihrer Herkunft. Sie kennen das Gefühl der Zerrissenheit, freuen sich über kleine zufällige Botschaften aus der heimischen Kultur, sei es ein kulinarischer Genuss, eine Melodie oder nur ein Gespräch in der Muttersprache oder im heimischen Dialekt am Nachbartisch. Denn sogar die Österreicher oder Schweizer, die hier heimisch werden wollten, die gar keine Sprachbarrieren zu überwinden hatten, kennen das Gefühl – Heimweh! Wie geht es den vielen sogenannten Gastarbeitern, die vor 50 Jahren nach Deutschland kamen und wie ihren Kindern? Das sollte Thema meines nächsten 37 Grad Filmes werden. Protagonistensuche Für die erste Generation stellte sich die Frage nach der Heimkehr nicht, weil die fest eingeplant war, weil man die deutsche Sprache nie gelernt hat und weil zu Hause im Süden Eigentum und Familie auf sie warteten. Aber wie geht es der nächsten Generation? Die, die als Kinder hierherkamen und sich hier ein eigenes Leben aufgebaut haben. Mit dieser Frage im Gepäck habe ich mich also auf die Suche nach geeigneten Protagonisten gemacht. Tatsächlich war es eine lange Suche. Aber schließlich lernte ich Franco kennen, gebürtiger Sizilianer und seit 50 Jahren wohnhaft im badischen Singen. Franco, Mitte 50, Hausmeister in einem Seniorenstift, ehrenamtlicher Fußballtrainer, absoluter Familienmensch und seit einem Jahr Opa mit Herzblut und Hingabe. Bis zur Geburt seiner Enkelin Giulia wollte er dem Plan der Eltern folgen und mit dem Eintritt in die Rente zusammen mit seiner Frau Tina (ebenfalls Sizilianerin) zurück in das Dorf seiner frühen Kindertage gehen. Aber der Gedanke, das Heranwachsen der Enkel zu verpassen, die ersten Schritte und Worte nur über einen Videoanruf zu verfolgen lässt Zweifel an seinen Plänen hochkommen. Franco stellt sich also meinen Fragen und lässt mich teilhaben an der eigenen Suche nach einer Antwort. Gar nicht einfach. Seine ältere Schwester Sara lebt das umgekehrte Modell. Sie folgt nach ihrer frühzeitigen Berentung bald der alten, verwitweten Mutter zurück nach Ribera. Erst als sie ihr Leben dort einrichtet, stellt sie fest, dass sie Deutschland vermisst, dass sie alleine ist und die Nachbarn sie nicht als eine aus den eigenen Reihen akzeptieren. Heimat oder Zuhause? Ich begleite also mit meinem Team die beiden Geschwister, treffe sie in der deutschen Wahlheimat und in ihrer sizilianischen Geburtsstadt. Dort finde ich dort wie hier unendlich viele Zeichen der anderen Kultur. Im Küchenschrank der Nonna stehen die schwäbischen Spätzle und die Jägersoße neben der italienischen Pasta. Zu Hause in Singen läuft das italienische Fernsehprogramm während üppig deutsch gefrühstückt wird. Einfach nur einen Keks zum Kaffee das haben sie sich alle längst abgewöhnt. Je intensiver Sara und Franco sich meinen Fragen stellen umso spürbarer wird ihre Zerrissenheit. Heimat bei den Olivenbäumen am Fuß des Meeres – ja, aber zuhause fühlen sie sich dort wo die Kinder und Kindeskinder leben. Was bedeutet Heimat, wenn Du alleine bist? Gerade für Italiener, die bekannt sind als Familienmenschen. Sara vermisst ihre Kinder und Enkel, ihren Mann und ihre Mietwohnung am Stadtrand von Singen. Sogar der kleine deutsche Schrebergarten fehlt ihr, obwohl sie in Sizilien Meer und weite Landschaft vor der Haustür hat. Ich erlebe drei Generationen von Einwanderern und komme während der Dreharbeiten zu dem Schluss, dass es vor allem für die zweite Generation, Menschen wie Franco und Sara besonders schwer ist, die Frage nach der Heimat zu beantworten. Könnte ich klar beantworten, wo meine Heimat ist? Ehrlich gesagt nicht, weil ich glaube, man muss die Erfahrung des Fortgehens in die Fremde erst selbst erlebt haben. Wie sich das anfühlt, wenn man irgendwann dort in der alten Heimat fremder als in der neuen Heimat ist. Also ist Heimat viel mehr als Vaterland, Muttersprache, Natur und Lebensart, es ist ein tief verwurzeltes, sensibles Gefühl von Wohlempfinden, von Angekommen sein und von Familie. Es war ein besonderes Dreherlebnis mit der warmherzigen großen Familie über 7 Monate lang zu drehen und mitzuerleben, wie sie schließlich zu dem Schluss kommen, dass sie irgendwie heimatlos sind, aber sich eben bei ihren Kindern und Enkeln wirklich zu Hause fühlen. </ul> </section> mehr zur Generationenfrage 37 Grad - Große Last auf schmalen Schultern&nbsp; Untertitel Deutsche Gebärdensprache Audiodeskription Füttern, windeln, Medikamente geben und die Mobilität trainieren, das machen Eltern mit ihren Kindern. Doch in vielen Familien in Deutschland sind diese Rollen vertauscht. 23.08.2022 Videolänge 28 min · Doku UT DGS AD Jetzt abspielen 37 Grad Leben - Zwei Sprachen - Eine Familie&nbsp; Untertitel Zwei Familien berichten über Herausforderungen ihres binationalen Familienlebens. Die einen haben eine deutsch-kroatisch-mexikanische Herkunft, die anderen eine deutsch-georgische. 28.10.2022 Videolänge 26 min · Doku UT Jetzt abspielen 37 Grad - Mutter, Du wohnst zu weit weg!&nbsp; Untertitel Audiodeskription Eltern und Kinder leben heute oft weit voneinander entfernt. Wenn die alten Eltern mehr Hilfe brauchen, sind die Kinder gefordert. Ein Drahtseilakt zwischen Verantwortung, Liebe und Sorge. 19.03.2019 Videolänge 28 min · Doku UT AD Jetzt abspielen 37 Grad - Generation: Wenn Eltern zu den Kindern ziehen&nbsp; Untertitel Deutsche Gebärdensprache Audiodeskription In vielen Familien wohnen Jung und Alt Hunderte Kilometer voneinander entfernt. Einige Senioren wagen deshalb einen großen Schritt und ziehen ihren Kindern hinterher. 31.08.2021 Videolänge 28 min · Doku UT DGS AD Jetzt abspielen 37 Grad Leben - Anders ackern - Die nächste Generation&nbsp; Untertitel Die Herausforderungen für junge Landwirtinnen und Landwirte sind riesig. Und doch wollen Marie Tigges und Julius Nennewitz die bäuerlichen Familienbetriebe gern weiterführen. 30.09.2022 Videolänge 27 min · Doku UT Jetzt abspielen Weitere laden </article> Auch interessant Weitere laden </main> Footer mit Inhaltsangabe nach oben Mehr ZDF ZDFapps Smart TV ZDFtext Livestreams Sendungen A-Z TV-Programm ZDF woanders ZDF YouTube ZDF Facebook ZDF Twitter ZDF Instagram Service Tickets Zuschauerservice Kontakt zum ZDF Sitemap Hilfe Das ZDF ZDF Unternehmen Karriere Presseportal Werbefernsehen Mainzelmännchen Partner Nutzungsbedingungen Datenschutz Datenschutzeinstellungen Impressum Zur Merkliste hinzugefügt Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert. </BR>Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF. Mein ZDF - Login Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder Weiter als ... 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Bildquelle: ZDF Presseportal
ZDF
Herkunft: ZDF-Mediathek
Sender: ZDF
Depublizierung: 16.01.2028 23:49 Uhr
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