ESC zum Schließen · Enter zum Suchen

Begnadet anders

ZDF-Mediathek ZDF
Wird am 25.10.2026 um 23:01 Uhr depubliziert

Oftmals schlummern Talente in ihnen, wie der Tastsinn der Blinden, eine Inselbegabung bei Autisten oder das feine Gespür von Gehörlosen. Nur wenn Unternehmen und Arbeitgeber einen Perspektivwechsel wagen, kann eine gute Zusammenarbeit gelingen. Erst abgestempelt, dann unersetzlich Claudia (39) aus Falkensee in Brandenburg weiß, was es bedeutet, ein Leben lang "abgestempelt" zu werden. Aufgrund einer Erbkrankheit erblindete sie im Laufe ihrer Jugend fast vollständig und fühlte sich zunehmend wertlos. Ihren Berufswunsch als Masseurin finanzierte ihr niemand, und die Ausbildung zur "Bürokraft mit Behindertenstatus" führte nur zu jahrelanger Arbeitslosigkeit und beklemmender Abhängigkeit vom Jobcenter. Doch dann hörte die alleinerziehende Mutter zweier Kinder von einer genialen Idee: Weil blinde Frauen mit ihrem ausgeprägten Tastsinn kleinste Veränderungen im Brustgewebe identifizieren können, werden sie in der Krebsvorsorge gebraucht. Dank dieser Ausbildung und ihrem ersten festen Job als Medizinisch-Taktile Untersucherin hat Claudia endlich ein Stück Unabhängigkeit erlangt. Doch es gibt auch dort immer wieder Rückschläge. Knallhart: die Prüfung Andreas (27) aus Alfter bei Bonn hat endlich eine berufliche Vision für sich entdeckt. Als Asperger-Autist übervorsichtig und auf absolute Sicherheit bedacht, blieb er vom allgemeinen Arbeitsmarkt jahrelang ausgeschlossen. Doch vor Kurzem hat sich für ihn am nahen Flughafen Köln-Bonn eine Chance ergeben: Jede Nacht müssen allein in der Sortierhalle von DHL Airways Tausende Pakete manuell auf Gefahrgut durchleuchtet werden. Für solche sicherheitsrelevanten Aufgaben haben Autisten wie Andreas ein besonderes Faible: Viele können Muster präzise erkennen und verfallen dabei nie in Routine. Deshalb hat DHL Airways – bislang einmalig in der Branche – damit begonnen, junge Menschen mit Autismus-Diagnose speziell für diese Tätigkeit auszubilden. Andreas ist begeistert und trainiert monatelang für die notwendige Zertifizierung durch das Luftfahrtbundesamt. Doch dann scheitert er am zweiten Prüfungsteil und muss noch einmal antreten. Unterdessen kann er bei DHL wenigstens schon mal einen Übergangsjob bekommen. Andreas weiß: Die Prüfung zur "Kontrollkraft für Fracht und Post" ist knallhart. Und er hat nur noch eine Chance. Früher Putzkraft, heute Teamleiterin Die gehörlose Camelia (52) hingegen hat nach langen, beschwerlichen Jahren als Putzkraft in einer kleinen Düsseldorfer Teemanufaktur endlich ihre berufliche Erfüllung gefunden. In der Manufaktur arbeiten Hörende und Gehörlose zusammen. Camelia ist inzwischen zur Teamleiterin aufgestiegen. Ein Erfolg, den sie niemals erwartet hätte. Anders als im privaten Alltag, wo Gehörlose wie Camelia regelmäßig auf unüberwindliche Kommunikationsbarrieren stoßen, hat sie im achtsamen Arbeitsumfeld immer wieder kleine Erfolgserlebnisse. Das motiviert sie, auch im privaten Bereich neue Schritte zu wagen. "37°" begleitet drei Menschen mit Behinderung durch ihre Höhen und Tiefen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Werkstattbericht: Autor Sören Senn über die Dreharbeiten Überrascht über eigene Vorurteile Über meine eigenen Vorurteile war ich selbst überrascht. Bevor mich die Frage zu beschäftigen begann, inwieweit Menschen mit Behinderung am Arbeitsleben teilnehmen können, glaubte ich beispielsweise über „Barrierefreiheit“ einigermaßen Bescheid zu wissen. Ein einziger Spaziergang mit meiner blinden Protagonistin Claudia belehrte mich, dass es so etwas wie „Barrierefreiheit“ gar nicht gibt, sondern bestenfalls „Barrierearmut“. Da sind jede Menge Details, auf die man – als Nicht-Betroffener – gar nicht kommt: Die weiß gerillten Bodenplatten vor dem Fußgängerstreifen bieten Orientierung, schon mal gut zu wissen! Aber wenn der Dieselmotor eines Buses dröhnt, ist das ihn überholende surrenden Elektroauto für Blinde vollkommen unhörbar und damit lebensgefährlich. Auf solche Dinge würde ich bei meiner nächsten Begegnung mit Menschen mit Behinderung aktiver achten wollen. Viele Hindernisse– das haben mich die Dreharbeiten gelehrt – sind keineswegs nur technisch lösbar. Barrieren zu vermeiden ist oft eine Frage der Aufmerksamkeit, der Neugier und der Bereitschaft, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Letzteres gilt besonders im Beschäftigungskontext. Diesbezüglich haben mich auch viele umsichtige Arbeitgebende überrascht.  Wir - die Mehrheitsgesellschaft - sind herausgefordert Auf Fähigkeiten achten, sie entdecken und fördern, das ist eine Haltung, die ich bei diesem Projekt gelernt habe – eine Haltung, die nicht immer vorausgesetzt werden kann. Mein - unser Blick auf Menschen mit Behinderung, spiegelt er nicht das Selbstverständnis der Mehrheitsgesellschaft, was Integrationsbereitschaft angeht? Ein Blick, der erst einmal auf Defizite schaut. Job-Coaches und Inklusionsmanagerinnen, aber auch Arbeitgebende, denen wir begegnet sind, hatten schon eine deutlich andere Betrachtungsweise. In den letzten Jahrzehnten hat eine grundsätzliche Werte-Verschiebung stattgefunden: statt Fürsorge ist Teilhabe in den Fokus gerückt. Dabei geht es auch um Teilhabe am Arbeitsleben. Für unsere Protagonisten im Film gilt das, was für die alle Menschen gilt: Sie wollen gebraucht werden und möchten eine sinnvolle Arbeit ausüben mit der sie ihr eigenes Geld verdienen. Sie wollen dazugehören, ein normales Leben führen. Was hilft: Wirklich in Kontakt kommen Während der Vorbereitung und der Dreharbeiten bin auch ich mehrmals auf Barrieren gestoßen. Dass wir mit meiner gehörlosen Protagonistin (fast) nur mit Hilfe der Gebärdensprachdolmetscherin, also nur beschränkt kommunizieren konnten, hat ein paar Mal zu Missverständnissen geführt. Und es war auch lehrreich, die damit einhergehende Ungeduld zu begreifen, die Gehörlose bisweilen haben: sie sind ja im Vollbesitz einer ausgebildeten (Gebärden-)Sprache; nur können die meisten von uns eben diese Sprache nicht und sind sich auch nicht bewusst, dass die Barriere damit beiderseitig und gewissermaßen gleich hoch ist. Ähnlich und doch anders war meine Erfahrung mit Andreas. Seine Autismus-Spektrum-Störung ist schwer zu begreifen. Und deshalb war es für mich schwierig zu akzeptieren, dass er sich auch nach mehreren Drehtagen unmöglich an die Kamera „gewöhnen“ konnte. Er schaffte es irgendwie nicht, sie „auszublenden“. Und deshalb war der Dreh für ihn besonders anstrengend. Es sind viele kleine Details, die zählen. Aber eben auch die Notwendigkeit, wirklich in Kontakt mit Menschen mit Behinderung zu kommen, um über die eigenen Vorurteile hinwegschauen zu können. Den Film zu realisieren war auch deshalb so spannend, weil mir dabei nicht nur ihre, sondern auch meine eigenen Grenzen aufgezeigt wurden. Auch solche Hürden sind Teil der Geschichte und haben zu einem besseren Verständnis geführt – nicht trotz, sondern eher dank der Hürden zwischen uns. </ul> </section> Weitere Reportagen 37 Grad - Bijan - Leben mit Tourette&nbsp; Bijan Kaffenberger (31) ist Vollblut-Politiker und hat Tourette. Trotz aller Vorurteile verfolgt er seine Karriere – bis in den Hessischen Landtag. 02.06.2021 Videolänge 10 min · Doku Jetzt abspielen einfach Mensch - Mein Leben mit Borderline&nbsp; Untertitel Deutsche Gebärdensprache Ein Leben in Extremen, eine emotionale Achterbahn mit innerem Schmerz: In Deutschland haben ungefähr zwei Prozent der Bevölkerung das Borderlinesyndrom. 04.09.2021 Videolänge 15 min · Gesellschaft UT DGS Jetzt abspielen 37 Grad - Mein fremdes Herz&nbsp; Seit 12 Jahren hat Sarah (31) ein Spenderherz. Zehn Jahre geht alles gut – dann bekommt sie eine Krebsdiagnose und ihr Spenderherz hört auf zu schlagen! Sie kämpft ums Überleben. 13.05.2021 Videolänge 15 min · Doku Jetzt abspielen 37 Grad - Essstörung: Nur Haut und Knochen&nbsp; Audiodeskription Essstörungen gelten als Frauenkrankheit. Doch mindestens jeder zehnte Betroffene ist ein Mann. Elija (19) und Markus (32) wollen aus ihrer Magersucht heraus. Gelingt ihnen das? 27.01.2020 Videolänge 28 min · Doku AD Jetzt abspielen 37 Grad - Tourette: Wir ticken anders&nbsp; Untertitel Audiodeskription Unkontrollierte Zuckungen, merkwürdige Töne, manchmal obszöne Ausbrüche: Menschen, die die Krankheit Tourette haben, erregen meist negative Aufmerksamkeit. Wie werden sie damit fertig? 04.02.2020 Videolänge 29 min · Doku UT AD Jetzt abspielen einfach Mensch In „einfach Mensch“ erzählen Menschen mit Behinderung und sozial Benachteiligte selbst. Die Reportage entsteht in Zusammenarbeit mit der "Aktion Mensch". Gesellschaft Mehr erfahren Weitere laden </article> Auch interessant Weitere laden </main> Footer mit Inhaltsangabe nach oben Mehr ZDF ZDFapps Smart TV ZDFtext Livestreams Sendungen A-Z TV-Programm ZDF woanders ZDF YouTube ZDF Facebook ZDF Twitter ZDF Instagram Service Tickets Zuschauerservice Kontakt zum ZDF Sitemap Hilfe Das ZDF ZDF Unternehmen Karriere Presseportal ZDF Shop Werbefernsehen Mainzelmännchen Partner Nutzungsbedingungen Datenschutz Impressum

Bildquelle: ZDF Presseportal
ZDF
Herkunft: ZDF-Mediathek
Sender: ZDF
Depublizierung: 25.10.2026 23:01 Uhr
Jetzt ansehen