Leaning into the Wind – Andy Goldsworthy

Leaning into the Wind – Andy Goldsworthy

16 Jahre nach dem Film "Andy Goldsworthy Working With Time", folgt eine Wiederbegegnung von Künstler Andy Goldsworthy und Filmregisseur Thomas Riedelsheim. Der Künstler erzählt über seine Sicht auf die Welt und konzentriert sich dabei vor allem auf die Natur.

 Filmrezension:
Dr. Kay Hoffmann
Filmpublizist und wissenschaftlicher Leiter im Haus des Dokumentarfilms

Nach seiner Uraufführung beim DOKfest München im Mai 2017 startete Mitte Dezember der neue Film von Thomas Riedelsheimer »Leaning into the Wind – Andy Goldsworthy« in den deutschen Kinos. Vor 16 Jahren bereits hatte der Regisseur in dem überwältigenden Überraschungserfolg »River and Tides« diesen sympathischen Land-Art-Poeten schon einmal porträtiert. Goldsworthy, der in seinen Kunstwerken stark mit der Natur und Landschaft verbunden ist, wurde seitdem bekannter, zugleich aber auch nachdenklicher und reifer. Der aktuelle Film präsentiert viele neue Arbeiten mit einer unglaublichen Leichtigkeit und in fantastischen Bildern.

Das Ziel von Thomas Riedelsheimer mit seinem neuen Dokumentarfilm war es, auf verschiedenen Ebenen einen unterschiedlichen Blickwinkel, eine neue Perspektive, eine andere Wahrnehmung auf den Künstler Andy Goldsworthy zu werfen. Drei Jahre hat der Filmemacher Goldsworthy begleitet.

Der britische Natur-Künstler ist mittlerweile Teil seiner eigenen Kunstwerke geworden. Zugleich erscheinen diese zunehmend zerbrechlicher, persönlicher, ernster und rauer. Zum Teil wirken sie sehr spontan gestaltet, wenn sich Goldsworthy beispielsweise auf den Boden legt, der Regen beginnt und er den Umriss seines Körpers als trockene Fläche hinterlässt. Sobald er aufsteht, löscht der Regen Tropfen für Tropfen das Bild aus.

Oder die Idee, nicht auf einem Bürgersteig zu gehen, sondern durch Hecken und dadurch ein neues Gefühl zu bekommen. Oft arbeiten er und seine Tochter mit Elementen der Natur, wie zum Beispiel bunte Blütenblätter, mit denen sie eine farbige Spur durch die Stadt legen oder die Hände damit verhüllen und den Fluss die Camouflage abspülen lassen. Oder er nimmt sie in den Mund und spuckt sie als bunte Wolke heraus. Oder er schüttelt an einem Nadelbaum und der Blütenstaub bildet eine riesige gelbe Wolke – und bringt den Künstler zum Husten. Mit der lakonischen Musik von Fred Frith wird der Film zu einem meditativen Ereignis mit unglaublicher optischer Opulenz.

Bei anderen Aktionen, die er auf der ganzen Welt realisiert, lässt er sich auf die Natur ein, ob er sich von vorbeifahrenden Autos unbemerkt in einen Baum am Straßenrand stellt oder seinen Körper vom Wind umblasen lässt. Dies Bild gab dem Film seinen Titel und Goldsworthy kommentiert, dass es ihm dabei darum ginge, schwebend die Balance zu halten. Dies gilt für viele seiner Kunstwerke, die sich harmonisch in die Landschaft einfügen. Selbst wenn bei anderen Kunstwerken riesige Gesteinsbrocken oder Bäume mit schweren Maschinen bewegt und mit verschiedenen Geräten bearbeitet werden, kommt am Ende doch auch wieder ein sehr harmonisches Kunstwerk heraus.

Thomas Riedelsheimer verzichtet zum Glück auf die exakte Lokalisierung und Datierung der Arbeiten. So fließt der Film dahin wie ein großer ruhiger Bach, auf dem trockene Blätter sich ihren Weg suchen. Er wird mit seinen leicht bemoosten Bäumen am Ufer zu einem ganz zentralen Thema im Film. Immer noch ist Goldsworthy der entwaffnend offene und verschmitzte Erzähler, der so fasziniert ist von der Natur und Landschaften. Goldsworthy sagt zu seiner Arbeit: »Die Leute denken, ich hätte vielleicht ein so tiefes Verständnis für die Natur, dass ich irgendwie mühelos durch sie hindurch schwebe. Aber so ist es nicht. Ich falle oft.« Für ihn ist Natur nicht nur schön, sondern ebenso brutal, dunkel und mächtig.

Erst ziemlich zum Ende hin bei einem Interview im Büro des Künstlers wird deutlich, dass hinter der vermeintlichen Leichtigkeit doch auch Arbeit und Planung steckt, in dem an der Wand im Hintergrund die Skizzen hängen, wie die Kunstwerke einmal aussehen könnten. Dies nur kurz anzudeuten ist sicherlich eine weitere Stärke des Films. Er lädt ein, in die Welt des Andy Goldsworthy regelrecht einzutauchen und sich ganz auf seine Werke einzulassen, sich auf eine sinnliche Reise zu begeben. Besser kann man ihn nicht porträtieren und viele verlassen nach diesem Erlebnis glücklich das Kino. Ein toller Film um eine Weile dem tristen, grauen Alltag zu entfliehen.

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    Kinostart:14.12.2017 in Deutschland
    weitere Titel:
    Leaning into the Wind – Andy Goldsworthydeutsch (Deutschland)
    Leaning Into the Wind: Andy Goldworthyenglisch (USA)
    Genre:Dokumentarfilm,
    Originalsprache:Englisch, Portugiesisch, Französisch,
    Produktionsland:Deutschland, Vereinigtes Königreich,
    Offizielle Webseite:www.leaningintothewind.com
    IMDB-Bewertung:7.1/10 aus 29 Bewertungen
    Altersfreigabe:
    PersonRolle/Artdeutsche Synchronstimme
    Regie:Thomas Riedelsheimer
    Drehbuch:Thomas Riedelsheimer
    Kamera:Thomas Riedelsheimer
    Schnitt:Thomas Riedelsheimer

    Gewonnen

    Nominierungen

    British Independent Film Awards2017British Independent Film Award Best Cinematography
    British Independent Film Awards2017British Independent Film Award Best Music
    Edinburgh International Film Festival2017Best Documentary Feature Film
    Munich International Documentary Festival2017Viktor Award DOK.international
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