I Am Not Your Negro

I Am Not Your Negro

Quelle: Wikipedia(deutsch)
 Filmrezension:
Thomas Schneider
Online-Redakteur im Haus des Dokumentarfilms

Einen so kraftvollen Dokumentarfilm hat es lange nicht mehr gegeben. Von der ersten Minuten an packt Raoul Pecks »I Am Not Your Negro« seine Betrachter mit einer Collage aus historischem Bild- und Tonmaterial, perfekt eingesetzter Musikdramatisierung und natürlich mit einem fast 40 Jahre alten Text des amerikanischen Schriftstellers James Baldwin, der wahlweise von Hollywood-Star Samuel L. Jackson (im Original) oder vom Hamburger Rapper Sammy Deluxe (in der deutschen Version) gesprochen wird. Ein Dokumentarfilm der Kategorie »must have seen«.

Warum Raoul Pecks Dokumentarfilm über die Rassenunruhen in Amerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in diesem Jahr nicht den Doku-Oscar gewann, den er absolut verdient gehabt hätte, ist nur mit der seltsamen Begeisterung des amerikanischen Publikums für Crime-Stories erklärbar. So holte »O.J. Made in America« von Ezra Edelman den »goldenen Jungen«. Das ist eine Biografie des ehemaligen Sportlers O.J. Simpson, der in den neunziger Jahren vom Mord an seiner Frau und ihrem Liebhaber freigesprochen wurde; in den Augen von Millionen Amerikanern ist er dennoch der Schuldige geblieben. Reduzieren wir es auf die einfache Formel: »Schwarzer Mann ermordet weiße Frau und ihren weißen Lover« schlägt »Schwarze Autor schreibt sich die Wut über die Ermordung von drei schwarzen Männern von der Seele«. Oder einfacher: Krimi toppt Rassismus.

James Baldwin hatte Ende der siebziger Jahre begonnen, eine Abhandlung über den Rassismus in den USA begonnen, das Buch aber leider nicht mehr vollendet. Im Zentrum seines Textes steht die Ermordung von Martin Luther King Jr., Medgar Evers (Mitglied der NAACP) und Malcolm X. Alle drei Bürgerrechtler waren mit ihren unterschiedlichen Taten und Standpunkten zu Symbolfiguren eines »Black America« geworden. Ihre Ermordung traumatisierte eine ganze Generation. Auch James Baldwin war schockiert. In »Remember This House« begann er, seine Wut in Worte zu gießen. Es sollte ein Hammer gegen Rassismus und Gewalt sein, doch ihm gelangen nur knapp 30 Seiten.

Was man aus einem solchen Fragment machen kann, zeigt nun eindrucksvoll Regisseur Raoul Peck. Der in Haiti geborene Filmemacher war zuletzt in Deutschland mit seinem Biopic »Der junge Karl Marx« vertreten. Über Baldwins Testamentsvollstrecker gelang er an das Manuskript - und machte daraus einen Film, der die Gewalt zeigt, gegen die sich die farbigen Amerikaner zur Wehr setzen mussten. Manche mit Gebeten, andere mit Worten, einige mit Taten. Es ist »eine Reise zur Wahrheit«, wie Baldwin schreibt, von der man nicht weiß, was man entdecken werde. Peck kontrastiert den Text mit klug ausgewähltem Bildmaterial aus den Archiven. Er zeigt den Alltagsrassismus wie auch die ganz gewöhnlich gesteuerte Ausgrenzung. Beispielsweise jene Symbolik, die ganz unterschwellig in Filmen wie »King Kong und die weiße Frau« und seinen Nachfolgefilmen vermittelt wird: der mächtige, starke und große Affe legt die Hand an das verletzliche weiße Wesen.

Baldwin fühlt sich selbst auf die Stufe des schwarzen Monsters gesetzt. Anders als der Riesenaffe war der Autor klein und schwach, seine Worte nur eine stumpfe Waffe, die dennoch stark zur Findung einer afroamerikanische Identität beitrugen. Der Schauspieler Samuel L. Jackson verleiht Baldwins Worten im Original eine sehr kraftvolle Präsenz. In den deutschen Kinos ist diese Originalspur mit deutschen Untertiteln versehen. Arte zeigt bei seiner Ausstrahlung die übersetzte Version, bei der der Rapper Sammy Deluxe den Text spricht. Eine gute Wahl: Sammy Sorge (so sein eigentlicher Nachname) wurde in Deutschland geboren, sein Vater stammt aus dem Sudan. Seine afrikanischen Wurzeln hat der Künstler oft zitiert. Neben der Musik engagiert er sich unter anderem für Flüchtlinge.

Raoul Peck hat mit viel Material aus den Archiven gearbeitet. Seine Textbasis ist bald 40 Jahre alt. Dass ihm dennoch kein langweiliges Dokuprojekt für den Geschichtsunterricht, sondern ein politischer Film zum Heute gelungen ist, liegt daran, dass er ganz aktuelle Bezüge zum Rassismus dieser Tage findet. Gewalt gegen Schwarze, Massenproteste und eine Bewegung unter dem Motto »Black Lives Matter« sind keine Artefakte aus einer vergangenen Epoche. Es sind die Ankerpunkte im Hier, die Baldwins Text aus der Vergangenheit holen. Die Zeugnisse von einst werden zu Kommentaren der Gegenwart. Er wolle seinen Beitrag leisten, hat Baldwin als Motivation genommen und dabei nicht geahnt, welchen Wert dieser Beitrag einmal haben könnte.

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    Kinostart:2016
    30.03.2017 in Deutschland
    03.02.2017
    weitere Titel:
    I Am Not Your Negrodeutsch (Deutschland) englisch (USA) portugiesisch (Portugal) indonesisch (Indonesien)
    من کاکاسیاه تو نیستمpersisch (Iran)
    Je ne suis pas votre nègrefranzösisch (Frankreich)
    Я вам не негрrussisch (Russland)
    我不是你的黑鬼hochchinesisch (China)
    Genre:Dokumentarfilm,
    Originalsprache:Englisch,
    Produktionsland:Vereinigte Staaten,
    IMDB-Bewertung:7.6/10 aus 7,142 Bewertungen
    Altersfreigabe:PG-13
    PersonRolle/Artdeutsche Synchronstimme
    Regie:Raoul Peck
    Drehbuch:James Baldwin
    Musik:Alexei Gennadjewitsch Aigi
    Produzent:Rémi Grellety
    Hébert Peck
    Raoul Peck

    Gewonnen

    Berlinale2017Panorama Audience Award Documentary Film
    Berlinale2017Prize of the Ecumenical Jury - Special Mention Panorama
    Dublin Film Critics Circle Awards2017DFCC Best Documentary
    Portland International Film Festival2017Audience Award Best Documentary
    Thessaloniki Documentary Film Festival2017Amnesty International Award
    Jameson Dublin International Film Festival2017Festival Award DFCC Best Documentary
    DocAviv Film Festival2017Best International Film - Honorable Mention
    Luxembourg City Film Festival2017Documentary Award
    Golden Trailer Awards2017Golden Trailer Best Documentary
    Black Film Critics Circle Awards2016Special Mention
    Chicago International Film Festival2016Audience Choice Award Best Documentary Feature
    Hamptons International Film Festival2016Audience Award Best Documentary
    International Documentary Association2016Creative Recognition Award Best Writing
    Los Angeles Film Critics Association Awards2016LAFCA Award Best Documentary/Non-Fiction Film
    Philadelphia Film Festival2016Audience Award Best Feature
    Philadelphia Film Festival2016Jury Award Best Documentary Feature
    San Francisco Film Critics Circle2016SFFCC Award Best Documentary
    Southeastern Film Critics Association Awards2016SEFCA Award Best Documentary
    St. Louis Film Critics Association, US2016SLFCA Award Best Documentary Film
    Toronto International Film Festival2016People's Choice Award Documentary
    St. Louis Film Critics Association, US2016SLFCA Award Best Documentary Feature Film

    Nominierungen

    Academy Awards2017Oscar Best Documentary Feature
    Alliance of Women Film Journalists2017EDA Award Best Documentary
    Alliance of Women Film Journalists2017EDA Award Best Editing
    Berlinale2017Teddy Best Documentary Film
    Black Reel Awards2017Black Reel Outstanding Documentary Feature
    Central Ohio Film Critics Association2017COFCA Award Best Documentary
    Cinema Eye Honors Awards, US2017Cinema Eye Audience Choice Prize
    Cinema Eye Honors Awards, US2017Cinema Eye Honors Award Outstanding Achievement in Nonfiction Feature Filmmaking
    Cinema Eye Honors Awards, US2017Cinema Eye Honors Award Outstanding Achievement in Direction
    Cinema Eye Honors Awards, US2017Cinema Eye Honors Award Outstanding Achievement in Editing
    Cinema Eye Honors Awards, US2017Cinema Eye Honors Award Outstanding Achievement in Original Music Score
    Denver Film Critics Society2017DFCS Award Best Documentary Film
    Directors Guild of America, USA2017DGA Award Outstanding Directorial Achievement in Documentary
    Independent Spirit Awards2017Independent Spirit Award Best Documentary
    Gay and Lesbian Entertainment Critics Association 2017Dorian Award Documentary of the Year
    Georgia Film Critics Association (GFCA)2017GFCA Award Best Documentary Film
    Image Awards2017Image Award Outstanding Documentary (Film)
    National Society of Film Critics Awards, USA2017NSFC Award Best Non-Fiction Film
    North Carolina Film Critics Association2017NCFCA Award Best Documentary Film
    Online Film Critics Society Awards2017OFCS Award Best Documentary
    Oxford Film Festival, Mississippi, USA2017Audience Award Best Documentary
    Cartagena Film Festival2017Gemas Award Best Film (Mejor Película)
    Istanbul International Film Festival2017FACE Award Human Rights in Cinema Competition
    DocAviv Film Festival2017Best International Film The International Competition
    MTV Movie Awards2017MTV Movie + TV Award Best Documentary
    Gold Derby Film Awards2017Gold Derby Award Documentary Feature
    Sydney Film Festival2017Sydney Film Prize Best Film
    Austin Film Critics Association2016Austin Film Critics Award Best Documentary
    Awards Circuit Community Awards2016ACCA Best Documentary Feature Film
    Dallas-Fort Worth Film Critics Association Awards2016DFWFCA Award Best Documentary
    Florida Film Critics Circle Awards2016FFCC Award Best Documentary
    Gotham Awards2016Audience Award
    Gotham Awards2016Gotham Independent Film Award Best Documentary
    Hamptons International Film Festival2016Brizzolara Family Foundation Award for a Film of Conflict and Resolution Best Film
    Indiewire Critics' Poll2016ICP Award Best Documentary
    Indiewire Critics' Poll2016ICP Award Best Editing
    International Documentary Association2016IDA Award Best Feature
    International Documentary Association2016Video Source Award
    Village Voice Film Poll2016VVFP Award Best Documentary
    Washington DC Area Film Critics Association Awards2016WAFCA Award Best Documentary
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